Onion Russians in Kolkja at Lake Peipus

“The real voyage of discovery consists not in seeking new landscapes, but in having new eyes.” Marcel Proust

Hea päev Eestis oder auch Guten Tag aus Estland,

wir sind wieder on the road! Unser Ziel ist heute der Peipus-See, einer der größten Seen Europas. Die Einheimischen nennen ihn einfach Peipsi. Durch den See verläuft die estnisch-russische Grenze.

Neugierig sind wir, denn am Westufer des Peipus Sees leben seit Jahrhunderten altgläubige Russen. Von den Letten liebevoll “Zwiebelrussen” genannt, da sie in ihren Gärten (die leckersten) Zwiebeln anbauen und diese auch an den Straßen feilbieten.

Auf dem Weg an den See sehen wir überall Störche: am Straßenrand, im Nest, in Gruppen auf dem Feld! Und schon überfluten mich Kindheitserinnerungen an wilde Sommerwiesen und fliegende Störche… Eine flirrende Magie liegt in der Luft und ruft: komm nur, komm näher…

We are back on the road! Our goal today is the Peipus Lake, one of the largest lakes in Europe. The locals call it Peipsi. Through the lake runs the Estonian-Russian border.

We are curious because on the western shore of Lake Peipus, old-believing Russians have lived here for centuries. Of the Latvians lovingly called “Onion Russians”, as they cultivate in their gardens (the most delicious) onions and offer them also in the streets.

On the way to the lake we see storks everywhere: on the roadside, in the nest, in groups on the field! And already childhood memories flooded me of wild summer meadows and flying storks … A flirring magic lies in the air and cries: come, come closer …

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Der erste Blick auf den riesigen Peipussee ist geheimnisvoll. Der Horizont versinkt im Nebel. Alles ist still. Staunend wandern wir am Ufer entlang und werden leise, ganz leise…

The first view of the huge Peipus lake is mysterious. The horizon sinks into the mist. Everything is still. Stunning we walk along the shore and are quiet, very quiet …

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Kurze Zeit später humpeln wir kilometerlang über Schotterstraßen dahin. Der See ist jetzt nur noch selten zu sehen. Auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht landen wir am Ende der kleinen Wege nur überall auf Privatgelände. Also geht es weiter nach Kolkja.

A short time later we hobble over miles of gravel roads. The lake is now rarely seen. In search of a stay for the night we end up at the end of the small roads only on private grounds. So we continue to Kolkja.

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Und plötzlich sind wir im Dorf. Bunte Bienenkästen begrüßen uns, die ersten Tische mit Riesenzwiebeln stehen vor den manchmal etwas windschiefen Häusern. Storchennester sind weithin sichtbar…

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And suddenly we are in the village. Colorful bee boxes welcome us, the first tables with giant onions stand in front of the sometimes wind-swept houses. Stork nests can be seen from afar…

Wir kaufen bei einem netten alten Herrn rote und weiße Zwiebeln und etwas Knoblauch. Kommunizieren geht leider nicht, der Herr spricht nur Russisch. Zeigt den Preis für die Zwiebeln aber fachmännisch auf seinem Taschenrechner an.

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We buy red and white onions and some garlic from a nice old gentleman. Communication is not possible, the man speaks only Russian. Shows the price for the bulbs on his pocket calculator.

Blühender Lauch prangt in Vorgärten und auf Wiesen. Auch geräucherter Fisch wird vor dem Haus angeboten. Menschen sind kaum zu sehen, einige werkeln in ihren zauberhaften Gärten. Überall begegnen uns ursprüngliche Anblicke aus längst vergangenen Zeiten. Hier ist die Uhr wahrhaftig stehengeblieben! Und all diese Anblicke, die windschiefen Häuser, die ausgebeulten Straßen, die großen Nutzgärten hinter den Häusern, ja auch die Kleidung der Menschen, erinnert mich sehnsuchtsvoll an das Dorf meiner Kindheit. Komm nur, komm…

Immer wieder sehen wir hunderte kleine Buchten des Sees, die in manch einen Garten führen. So idyllisch!

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Flowering leeks in front gardens and meadows. Also smoked fish is offered in front of the house. People are hard to see, some work in their magical gardens. Everywhere we see original sights from long past times. The clock has really stopped here! And all these sights, the wind-swept houses, the worn-out streets, the large utility gardens behind the houses, and even the clothes of the people remind me of the village of my childhood. Come on, come …

Again and again we see hundreds of small bays of the lake, which lead in many gardens. Really idyllic!

Wir fahren kilometerweit die kleine Hauptstraße entlang und finden nirgendwo einen Parkplatz oder ähnliches. Doch in kann meine Blicke einfach nicht von diesen erinnerungsschwangeren Straßen und Häusern abwenden. Ich fühle mich magisch angezogen, hineingesogen, so, als würde gleich noch etwas bemerkenswertes geschehen?

Langsam werden wir etwas unruhig, wir haben noch keinen Platz für die Nacht gefunden. Gleich ist es 18.00 Uhr…

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We continue along the main road for several kilometers and can not find a car park or anything like that. But I can not turn my eyes away from these memorable streets and houses. I feel magically attracted, ingenious, as if something remarkable will happen. Slowly we get a bit restless, we have not found any place for the night. It’s just 6 pm …

 

Eine russische Omi am Ende des Regenbogens

 

Plötzlich, kurz vor dem Ortsende, leuchten uns schon von Ferne riesige rote Fleischtomaten entgegen. Eine knuddelige Omi, wie aus einem Kinderbuch mit buntem Kopftuch und Blumenkleidchen, steht hinter der Tomatenkiste und lächelt mich mit ein paar verbliebenen Zähnen an. Meine Güte, diese Omi! Wir klabaustern da irgendwie mit Händen und Füßen über Menge und Preis der Tomaten und haben jede Menge Spaß.

Da die Omi so niedlich und liebenswert ist, frage ich in Zeichensprache, wo wir übernachten könnten? Und das geht so: ich lege meine gefalteten Hände unter den Kopf und zeige dann auf Schoki.

Immer abwechselnd. Hände – Schlafen –  Schoki.

Nach einer Weile hat sie verstanden und lächelt, während sie auf eine Wiese vor dem gegenüberliegenden Schuppen zeigt. Etwas fassungslos, dass es jetzt so einfach war, mach ich noch ein paar Zeichen und sie nickt und deutet auf die Wiese. Und ich deute auf die Wiese und nicke.

Und ja: Wiese, Schoki, Schlafen, wir bleiben! Hach, ich bin ganz verzaubert!

Die Omi führt mich noch in ihren Garten hinter dem Schuppen und auch dort verbirgt sich eine kleine Bucht des Sees. Ein weißes Boot schunkelt leise am Ufer vor sich hin. Und sie redet und redet pausenlos auf mich ein, und es ist sooo schade dass ich nicht ein Wort verstehen kann. Sie knufft mich am Arm und schubst mich fast in den Garten hinein, als wollte sie sagen: nun geh schon, schau Dir alles an. 

Alles atmet Kindheit, was mich hier umgibt. Hier bei der Omi besonders die großen Dahlien vor dem Haus. In allen möglichen Farben und Formen wiegen sie sich im Wind. Im Dorf meiner Kindheit erblühten im Sommer alle nur erdenklichen Dahliensorten. Dahlien waren der Stolz jeder Hausfrau, denn sie machen auch sehr viel Arbeit. Da sie nicht winterhart sind, werden die Knollen ausgebuddelt und überwintern im Keller. Wohl auch ein Grund, warum man heute kaum noch Dahlien sieht. Und hier, beim Anblick der Dahlien schwöre ich mir: in meinem Garten soll es eines Tages Dahlien geben! Russenomidahlien!

Jo macht aus den leckeren frischen Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch leckerste Zwiebelrussensalsa. So heißt das Gericht ab heute bei uns.

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Suddenly, just before the end of the town, we are greeted by giant red meat tomatoes. A cuddly Grandma, as from a children’s book with a colorful headscarf and floral garments, stands behind the tomato crate and smiles at me with a few remaining teeth. We understood somehow with hands and feet over quantity and price and have a lot of fun.

Since the Grandma is so cute and adorable, I ask in sign language where we could stay overnight? And this goes like this: I put my folded hands under the head and then show on Schoki.

Always changing. Hands – sleeping – Schoki.

After a while, she understood and smiled as she pointed to a meadow in front of the opposite shed. Something stunned that it was now so easy, I make a few more signs and she nods and points to the meadow. And I point to the meadow and nod.

And yes: meadow, Schoki, sleeping, we stay!  I am completely enchanted!

Everything breathes childhood, which surrounds me here. Here at the Grandma especially the big dahlias in front of the house. In all possible colors and shapes, they weigh themselves in the wind. In the village of my childhood, in the summer, all kinds of dahlias flourished. Dahlias were the pride of every housewife, because they also do a lot of work. Since they cannot stay outside in winter, the tubers are dug out and overwinter in the cellar. Probably also a reason, why today one hardly sees dahlias. And here, at the sight of the dahlias, I swear, one day there will be dahlias in my garden. Russenomidahlien!

Jo makes the most delicious onion russian sauce with fresh tomatoes, onions and garlic . This is the name of the dish from now on.

Ich schaue wieder auf die wunderschönen rotblühenden Dahlien vor dem Haus der russischen Omi und all die Omis meiner Kindheit fallen mir ein.

In unserem Dorf gab es viele Aussiedler und Flüchtlinge aus dem Osten, darunter einige alte Witwen. Polnische und Russische Dialekte waren mir geläufig und ehrlich gesagt, diese Omis waren mir die allerliebsten!

Meine schönsten Erinnerungen sind mit den Kochkünsten der alten Damen verbunden. Immer gab es köstliche Leckereien in den einfachen Küchen dieser liebevollen Omis, die uns Kinder einfach mit allem verwöhnten, was die Küche so hergab.

Ich sehe es auch noch vor mir wie heute: mein Blick führt nach oben auf eine riesige Brust, an die ein Brotlaib gedrückt wird. Mit dem Messer schneidet sie die Brotscheibe in Richtung Brust ab. Das machte mir immer richtig Angst. Aber alle russischen oder polnischen Omis schnitten das Brot Richtung Brust ab. Das sah ich sonst nirgendwo…

Ich wache wieder auf und lausche: ruhig ist es hier, nur das Rauschen der Birkenblätter durchdringt sanft die Stille. Und dann sehe ich ihn, einen riesigen, bunt schillernden Regenbogen, der über die Bäume gespannt direkt in den Garten der Omi fällt. Ich bin einfach nur sprachlos und habe eine Gänsehaut vor Glück!

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I look at the beautiful red-flowered dahlias in front of the house of the Russian Grandma and remember all the Grandmas of my childhood.

In our village there were many emigrants and refugees from the East, including some old widows. Polish and Russian dialects were familiar to me and frankly, these Grandmas were my favorite ones!

My best memories are connected with the cooking skills of the old ladies. There were always delicious treats in the simple kitchens of these lovingly Grandmas, who simply let us children taste everything they made with love.

I can still see it as it was today: my gaze leads up to a huge chest, which is pressed against a loaf of bread. With the knife, she cuts the bread slice towards the breast. That always frightened me. But all Russian or Polish Grandmas cut the bread towards the chest. I did not see that anywhere else …

I wake up again and listen. It’s quiet here, just the sound of the birch leaves gently penetrates the silence. And then I see him, a giant, colorful iridescent rainbow falling directly over the trees into the garden of the Grandma. I am just speechless and have goose bumps from happiness!

Danke, Danke, Danke! Küsschen, Küsschen, Doswedanje! Der Abschied ist herzlich am kommenden Morgen und die Tränen kullern. Es sind Tränen des Glücks, warm und ein klein wenig Sehnsuchtsvoll. DANKE!

Thank you thank you thank you! Kisses, kisses, Doswedanje! The farewell is warm the next morning and the tears are falling. Tears of happiness, warm and a little bit longing. THANK YOU!

 

Heilige Bäume und gesegnetes Wasser

 

Auf dem Weg Richtung Lettland machen wir Halt bei einem Spa Hotel in Otepää. Am schönen See Pühajärv. Der Stellplatz ist kostenfrei mit Strom.

Ein Spaziergang durch den Naturpfad im Wald führt am See entlang. Teilweise geht es über sumpfiges Gelände auf Holzbohlen entlang. Es regnet wieder und wir fallen in einen Nordic Walking Schritt. Ich sag mal nix zu dem nordeuropäischen Wetter…

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On the way to Latvia we stop at a spa hotel in Otepää. The pitch is free of charge with electricity.

A walk through the nature trail in the forest leads along the lake. Part of it goes over marshy terrain on wooden planks. It rains again and we fall into a Nordic walking step. I say nothing to the north-European weather …

Als wir wieder aus dem Wald herauskommen sehen wir eine riesige Eiche prachtvoll inmitten der Wiese stehen. Ein Schild klärt uns auf, sie habe sieben Meter Durchmesser und sei zweiundzwanzig Meter hoch und ist stolze 400 Jahre alt! Sofort muss ich sie umarmen und spüre wie mich eine unglaublich pure Kraft und Energie durchflutet…

Ich kann schon nicht mehr zählen, wie viele Bäume ich rund um die Welt umarmt habe, doch genau in diesem Moment denke ich an den magischen Baum in Ek Balam… Die beiden Bäume haben eine verwandte Energie…

Die kleine Tochter der Eiche ist mit flatternden bunten Bändern geschmückt! Linden und Eichen gelten hier als heilig und es ist mancherorts Brauch, die Bäume mit bunten Bändern zu schmücken. Den Brauch könnte ich glatt übernehmen. Ich liebe Eichen und ihre Kraft!

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When we get out of the forest, we see a huge oak tree standing magnificently in the middle of the meadow. A sign tells us that it is seven meters in diameter and is twenty-two meters high and is a proud 400 years old! Immediately I have to embrace her and feel like an incredibly pure power and energy flows through me …

I can not count how many trees I’ve embraced around the world, but right now I’m thinking of the magical tree in Ek Balam … The two trees have a related energy …

The little daughter of the oak is decorated with fluttering colorful ribbons! Linden and oaks are considered sacred here and it is customary to decorate the trees with colorful ribbons. I could take the custom smoothly. I love oaks and their strength!

Zum Abschied nehme ich noch ein morgendliches Bad im Pühajärve See, der laut Schautafel des Parks vom Dalai Lama gesegnet wurde. Ah ja, das Wasser fühlt sich etwas seidiger und wärmer an. In dieser gesegneten Umgebung nehmen wir Abschied…

DANKE, danke liebes Estland, Du hast uns mit magischen Wundern, zauberhaften Erlebnissen und blühenden Erinnerungen beschenkt. Wir kommen wieder!

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As a farewell, I take a morning bath in the lake, which was blessed of the Dalai Lama as the park’s screen says. Ah, the water feels a bit silky and warmer. In this blessed environment, we bid farewell …

THANK YOU, thank you Estonia, you gave us magical wonders and experiences. We will be back!

Sunny greetings with so much L O V E  &  L I G H T

J  &  J  & Schoki | Glücksritter

Parking: Pühajärve Spa & Holiday Resort inkl. Strom und Müll, kostenfrei – GPS lat 58.0489 long 26.461 

2018-10-21T09:52:40+00:00By |

2 Comments

  1. T. U. M. February 5, 2018 at 23:40 - Reply

    Dreimal darfst Du raten wie meine Mutter immer das Brot geschnitten hat… eben genauso wie Du es beschrieben hast…
    und JA, auch ich hatte jedes Mal große Angst, dass sie abrutscht und sich dabei die Kehle durchschneidet… in Erinnerung geblieben ist mir auch das Mehl auf ihrer Brust. Das alles ist ja kein Wunder, ist doch meine Mutter gebürtig aus Schlesien. Danke für deinen berührenden Beitrag!

    • Janine April 24, 2018 at 17:38 - Reply

      Danke Dir!
      ich habe einige Mails bekommen als Freunde diesen Artikel gelesen hatten. Und viele kannten diese Vorgehensweise ebenfalls von Omis. Wie schön. Ja leider ist das wohl ausgestorben und wir können noch unsere Erinnerungen wachhalten. An das Mehl auf der Brust, dass ich selbst schon fast vergessen habe… Danke dafür!
      Sonnige Grüße
      Janine

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